Sofortrente news | Wohin mit dem Geld?
Viele Deutsche wollen fürs Alter vorsorgen, meiden aber das Risiko. Das Dilemma: Sichere Anlagen werfen derzeit nur niedrige Zinsen ab. QUELLE DIE ZEIT, 07.10.2010 Nr. 4

Für einen langjährigen Mandanten des Rentenberaters Stefan Albers wurde die Finanzkrise schlagartig persönlich greifbar, als er die jüngste Jahresbescheinigung seiner privaten Rentenversicherung in den Händen hielt: Die in den Jahren zuvor angekündigte Beteiligung am Überschuss des Versicherers war um fast 100.000 Euro auf gerade einmal 50.000 Euro zusammengeschmolzen. »Vielen geht es nach der Finanzkrise ähnlich«, sagt Albers, der seit 2008 Präsident des Bundesverbands der Versicherungsberater ist. »Geringe Mindestverzinsungen bei klassischen Versicherungen und Mechanismen zum Kapitalerhalt bei fondsgebundenen Angeboten schlagen seit der Finanzkrise voll auf die Renditen durch.«

Die private Altersvorsorge erlebt derzeit einen Einbruch – und zwar zweierlei Natur. Einerseits schwindet das Vertrauen in die angebotenen Produkte und die Sicherheit, das angelegte Geld mehren oder zumindest erhalten zu können, drastisch. Das führt – neben manch krisenbedingtem Rückgriff auf die Reserven – vielfach zu mehr Vorsicht bei der Neuanlage oder gar zum Rückzug aus bestehenden Investments. Andererseits macht die Anti-Krisen-Politik der Zentralbanken mit ihren niedrigen Leitzinsen es zunehmend unmöglich, mit überschaubaren Beiträgen für das Alter vorzusorgen, ohne ein erhöhtes Risiko einzugehen. Beides zusammen führt dazu, dass die Zahl derer steigt, die im Alter ihren Lebensstandard voraussichtlich nicht werden halten können.

Wie stark der Vertrauensverlust der Bürger tatsächlich ist, illustriert eine repräsentative Umfrage des Instituts Allensbach im Auftrag der Postbank. Im Vergleich zum Jahr 2009 nahm vor allem die Zustimmung zu Riester-Renten, festverzinslichen Produkten und Lebensversicherungen als Vehikeln der Altersvorsorge ab. Verbraucherschützer kritisieren schon lange, dass insbesondere Renten- und Lebensversicherungen zu wenig Flexibilität bieten und zu viel Kapital bei einem einzelnen Anbieter binden, um Krisen sicher zu überstehen.

Es bleibt nicht bei der wachsenden Skepsis allein, wie die Studie weiter zeigt. Demnach glaubt zwar mehr als ein Drittel der Deutschen, dass die gesetzliche Rente wegen der hohen Staatsverschuldung in Zukunft weiter gekürzt wird. »Die Sorge der Deutschen um die Altersvorsorge ist 2010 nicht geschwunden«, sagte Michael Meyer, Vorstandsmitglied der Postbank, am Mittwoch bei der Vorstellung der Studie. Dennoch haben 20 Prozent der Befragten angegeben, private Verträge zur Altersvorsorge aufgrund der Finanzkrise gekündigt oder reduziert zu haben. Damit fällt diese Quote noch schlechter aus als in der Umfrage des Jahres 2009.

Doch diese Vorsicht ist nur ein Teil des Dilemmas, in dem die privaten Sparer zurzeit stecken. Denn denen, die vorsorgen wollen, fehlt es an den passenden Angeboten. »Wir haben durch die aktuelle Geldpolitik ein Zinsniveau, das für die private Altersvorsorge schlicht nicht mehr ausreicht«, sagt etwa Manfred Poweleit, Chefredakteur des map-report, eines Branchendienstes für Versicherungen. »Von 2001 bis 2009 hat sich der Zinsüberschuss, den Kunden bei der Auszahlung ihrer Versicherung bekommen haben, mehr als halbiert.Als Gegenstrategie zu sinkender Garantieverzinsung und Überschussbeteiligung sind die Versicherer seit einiger Zeit dazu übergegangen, ihren Kunden statt Sparverträgen mit Garantiezins fondsgebundene Versicherungen anzubieten, bei denen vor allem in Aktien investiert wird. Manfred Poweleit kritisiert diese Sorte Versicherung heftig: »Ziel dieser Verträge ist es, das Kapitalanlage-Risiko vom Versicherer auf den Kunden zu übertragen. Dabei ist es doch eigentlich die Aufgabe von Versicherern, ihren Kunden das Risiko abzunehmen.«Auch die Zinsen, die Kunden bei Abschluss einer Kapitallebensversicherung garantiert bekommen, sind in den vergangenen Jahrzehnten immer drastischer gesunken. Noch in den neunziger Jahren hatte der Garantiezins bei vier Prozent und höher gelegen, seit 2007 liegt er bei mageren 2,25 Prozent – und könnte Brancheneinschätzungen zufolge 2012 weiter sinken. Grund dafür ist vor allem der niedrige Leitzins, den die Europäische Zentralbank vorgibt und in dessen Folge die Renditen aller verhältnismäßig sicheren Anlageformen in den Keller sinken. Wie stark dieser Effekt ist, zeigt die durchschnittliche Rendite festverzinslicher Wertpapiere: Zwar liegt sie im Durchschnitt der vergangenen 55 Jahre bei beeindruckenden 6,5 Prozent pro Jahr. Aktuell kämpft sie jedoch stark damit, oberhalb der Zweiprozentmarke zu bleiben.

Offensichtlich bemerkten viele Kunden diese Verlagerung des Risikos erst, als es sich in Form der Finanzkrise manifestierte: Während 2009 insgesamt weniger als vier Prozent aller Versicherungen für die Altersvorsorge gekündigt oder stillgelegt wurden, lag der Anteil bei den fondsgebundenen Produkten bei mehr als zehn Prozent. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem auch durch geldpolitische Maßnahmen der Zentralbanken die Aktienmärkte den stärksten Höhenflug seit Langem erlebten.

Die Zahlen des Deutschen Aktieninstituts bestätigen den Widerwillen der Deutschen gegen prinzipiell riskantere Anlagen: Von 2007 bis heute ging die Zahl der deutschen Fonds- und Aktienbesitzer um fast ein Fünftel auf gut 8,5 Millionen zurück. Doch während die Anleger reihenweise aus dem Aktienmarkt aussteigen und nach sicheren Anlageformen suchen, macht die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken eben diese unattraktiv – während sie den Aktienmarkt beflügelt.

Wie stark gerade im Moment das Bedürfnis nach Sicherheit ist, zeigt auch der am Dienstag erschienene Consumer Finance Survey der US-Fondsgesellschaft Janus Capital Group unter europäischen Anlegern. Rund zwei Drittel der Befragten sind demnach nicht bereit, sich aktuell den Risiken des Aktienmarktes auszusetzen. Lediglich 16 Prozent gaben an, zeitweise Verluste bei ihrem Gesparten akzeptieren zu wollen.

Staatliche Angebote wie die Förderung von Versicherungen im Rahmen der Riester-Rente bieten wenig Abhilfe. Zwar vermeldet das Arbeitsministerium regelmäßig Rekordzahlen bei den neu abgeschlossenen Riester-Versicherungen. Jedoch gehen diese zulasten anderer Vorsorgeprodukte. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft meldet für 2009 mit knapp zehn Millionen Verträgen zwar mehr als dreimal so viele Riester-Versicherungen wie noch 2002. Der Gesamtbestand aller Verträge – inklusive Riester – hat sich aber in diesen sieben Jahren kaum verändert.

Schlimmer noch: Insbesondere 2009 konnte die Zahl der Verträge nur deshalb einigermaßen stabil gehalten werden, weil auch sogenannte Versicherungen gegen Einmalbeitrag unter die Statistik fallen. Das bedeutet, dass Anleger mit viel Geld sich eine regelmäßige Rentenzahlung kaufen, ohne vorher einen Vertrag bespart zu haben. Die Einnahmen der Versicherer durch Neuabschlüsse dieser sogenannten Reichenpolicen stiegen im vergangenen Jahr um satte 60 Prozent.

Die einzige private Vorsorgeform, die weiter extrem populär ist, sind die eigenen vier Wände. Zwei Drittel aller Berufstätigen bezeichnen in der Allensbach-Umfrage eine Immobilie als ideale Form der Alterssicherung. Drei Viertel halten es für eine gute Idee, wenn der Staat den Bau oder Kauf eines Eigenheims fördern würde – wie etwa in Form des seit 2008 existierenden Riester-Zuschusses für Immobilien. »Allerdings kennt fast die Hälfte aller Berufstätigen in Deutschland die Wohn-Riester-Förderung nicht«, sagt Postbank-Vorstand Michael Meyer. Zudem sind die Vorschriften für die Bezuschussung in vielen Fällen recht kompliziert, und für Modernisierungen und Umbauten können die Zuschüsse nicht genutzt werden.

»Die fehlende Risikobereitschaft der Anleger und das niedrige Zinsniveau sind extrem problematisch«, heißt es in der Studie von Janus Capital. »Geld mit niedrig verzinsten Produkten anzulegen bietet nicht genug Wachstum, um die künftigen Bedürfnisse der breiten Masse der Konsumenten zu befriedigen.« Doch der Preis muss nun einmal erst später bezahlt werden – wenn die heute berufstätige Generation in Rente geht.

Altersvorsorge Sofortrente

  • VON Stefan Mauer
  • DATUM 8.10.2010 - 12:41 Uhr
  • QUELLE DIE ZEIT, 07.10.2010 Nr. 4

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